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Fallensteller: Albert
Breiers Zeitkunst
Monolithisch steht
das Spätwerk von Morton Feldman in der musikalischen Landschaft.
In Konzertprogramme lassen sich diese Stücke wegen ihrer schieren
zeitlichen Expansion schlecht einbauen, ihre Aufführungen geraten
zu Séancen. Aber lässt sich an diese radikale Zeitgestaltung
anknüpfen? Was hieße es, weiterzuforschen auf diesem Gebiet?
Nun sind Werke wie das 2. Streichquartett von Morton Feldman ja keine
Konzeptkunst und wollen nicht einfach bloß ausloten, was passiert,
wenn ein Quartett und seine Zuhörer eine so lange Wegstrecke zurücklegen
müssen. Sie stehen für ein Komponieren, das Musik ganz neu und
auf kompromisslose Weise als Zeitkunst entfaltet und unter diesen Voraussetzungen
zu immer wieder neuen Auffächerungen und Zeitgestaltungen gelangt.
Warum sollte man hier nicht weiterforschen können? "Mit der
Zeit kann man nicht experimentieren", schreibt Albert Breier. "Man
kann ihr vielleicht eine Falle stellen." Und wenn man bei eine fast
zweistündigen Ensemblestück wie Breiers Der Weg und die Zeit
gleich an Feldman denkt, dann ist das kein Rezeptionscliché. Der
1961 geborene Komponist hebt diesen für wichtigsten Einfluss selbst
hervor.
Anders als Ernstalbrecht Stiebler, der bei aller Nähe zu Feldman
für sein Art, komponierend in Klänge hineinzuhören, dessen
zeitliche Expansion nicht benötigt, setzt Albert Breier gerade an
diesem Punkt an. Vielleicht ließe sich sagen, dass Stiebler Feldman
vertikal weiterdenkt, während Breier bei den horizontalen Aspekten,
eben der Zeitgestaltung ansetzt und versucht, der Zeit Fallen zu stellen.
Breier sagt: "Die Zeit ist nie neu. Die Zeit ist immer neu. Daran
gleitet die Musik ab."Und muss sich dabei geduldig auf weite Wegstrecken
begeben. Dann wird die Zeiterfahrung der Hörer irritiert, dann können
Funken geschlagen werden, die Schlaglichter werfen auf das Phänomen
Zeit.
Auch Albert Breiers Musik schreitet langsam und geduldig voran. Sie ist
geprägt vom Prinzip der Wiederholung als subtile Abweichung, scheut
klangliche Effekte und bürstet das Instrumentarium nicht gegen den
Strich. Es gibt keine gröberen Zäsuren, dynamische Zuspitzungen
sind selten, aber häufiger als bei Feldman. Auch ist Breiers Musik
insgesamt farbiger, Glocken setzen ganz eigene Akzente, das Ausloten und
Umkreisen von Zusammenklängen erweitert sich oft zu Figurationen.
Die Wegstrecke, die der von chinesischem Denken beeinflusste Breier mit
seiner Komposition zurücklegt, führt durchaus wohin. Konrad
Reisner spricht im Booklet vom Gefühl eines "Angekommen-Seins"
am Ende. Das ist aber möglicherweise schon zuviel gesagt. Das Faszinierende
an dieser Musik ist, dass sie auf der Suche bleibt und einen hörend
daran teilhaben lässt.
Florian Neuner
In: Positionen 75, Beiträge zur neuen Musik, Mai 2008
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