|
MUSIK ALS KUNST
DER ZEIT
Verehrte Anwesende, wenn ich heute, da die Bezeichnung Komponist fragwürdig geworden ist, als "Komponist" über das sprechen soll, was es also vielleicht nicht mehr gibt: meine "Werke", so kann ich das folgerichtig nur in höchstpersönlicher Uneigentlichkeit tun. Wo kein Komponist, da keine Werke, da auch keine "Musik". Immerhin kann ich sprechen. Aber gerade als Musiker (um mich der Einfachheit halber so zu nennen) würde ich lieber über alles andere sprechen als über Musik, nämlich über Gott und die Welt. Das fordert eine Erklärung. Was für mich,
durch Erfahrung und Erziehung, Musik war (und ist), ist die abendländische
Musik, die europäische Musik der Neuzeit. Über diese kann man
sprechen, weil sie sich selbst einen Sprachraum geschaffen hat. Einen
Sprachraum konnte sie sich schaffen, weil das Raumschaffen überhaupt
ihr Merkmal und Ziel war. Es wird gesagt (und es scheint einzuleuchten),
Musik sei eine Zeitkunst, wohl sogar die Zeitkunst. Wenn das richtig ist,
verdient die abendländische Musik nicht den Namen "Musik".
Die abendländische Musik arbeitet von ihrem Beginn an aktiv gegen
die Zeit. Sie legt den Ton als Punkt im Raum fest. Sie errichtet, punctus
contra punctum, aus den zu Bausteinen gewordenen Tönen Gebäude,
erst bescheidene, dann immer voluminösere. Sie kann nicht existieren
ohne die Partitur, Abbild und Bauzeichnung in einem. Sie unterwirft sich
sogar reale Bauten, Kirchen, Säle, schließlich erzwingt sie
im Konzertsaal einen eigens für sie aufgeführten Bau, den sie
allein ausfüllen kann und den sie völlig beherrscht. Wer denkt, bewegt
sich in Räumen. Wer musikalisch denkt im Sinne der abendländischen
Musik, kann in Palästen wandeln. Die Theorie der abendländischen
Musik gehört zu den Meisterwerken des menschlichen Geistes. Die Möglichkeit
von Musikwissenschaft im abendländischen Sinn ist auf der Welt vielleicht
einzigartig. Der Komponist als Lehrer ist eine bewunderungswürdige
Erscheinung. Die musikalischen Räume sind eingestürzt, vergangen, verschwunden. Die Musik ist, so scheint es, von Gott und der Welt verlassen. Deshalb kann ich über "Musik" nicht schreiben.
Nach Ausweis der Philosophen ist aber die Zeit derjenige Gegenstand, über den sich am schwersten Aussagen machen lassen. Augustinus sagt etwa: "Wenn mich jemand fragt, was Zeit sei, so kann ich keine Antwort geben, nur wenn mich niemand fragt, weiß ich es." Gleichwohl scheint es nicht gänzlich unmöglich zu sein, Aussagen über die Zeit zu treffen, wenn auch die metaphorische Sprache der Dichter dabei öfters zu Hilfe kommen muß. Viel vom Treffendsten, was von der Zeit gesagt wurde, hat die Form von Bonmots oder von Anekdoten. Dennoch handelt es sich dabei oft um strenge Philosophie, die als solche ernstgenommen zu werden verlangt. Wenn etwa Mandelstam vom "Rauschen der Zeit" spricht, so ist das eine philosophisch strenge Definition. Zu solcher Strenge bin ich hier nicht in der Lage. Allenfalls habe ich die vage Hoffnung, daß allein dadurch, daß ich das Wort "Zeit" so oft, in Abständen, wiederhole, etwas wie ein Sinn dieses Worts sich mitteilt. Die Zeit selbst spricht nicht - anders als die räumlichen Dinge, die, zumindest für den Dichter, alle eine Sprache haben. Die Zeit verlangt nicht nach dem Wort. Sie verlangt nicht nach Musik. Aber vorstellbar ist ein Idealzustand, in dem die Zeit Musik wäre. Dann hätte jeder Moment der Zeit musikalischen Sinn, die der Musik gleichgewordene Zeit wäre, ohne Haus, eine Heimat. Das wäre ein paradiesischer Zustand. Von diesem Zustand wissen wir aber heute nur durch seine real existierende karikaturhafte Verzerrung: "Musik" erklingt heute immer und überall, sie begleitet jede Lebenssituation, gibt allem den Rhythmus vor, ist unentrinnbar. Diese Allgegenwärtigkeit ist grauenhaft. Sie nimmt uns Zeit wie Musik. Für uns beginnt, sozusagen, die Zeit erst nach der Vertreibung aus dem Paradies. "Zeit" verknüpft sich für uns mit Angst und Not, mit Untergang und Letztem Gericht. Wir sprechen von der gerichteten Zeit: wir haben keine gerettete. Als die europäische Musik die sichere Kapsel der Wiener Klassik verlassen mußte, fiel sie in den Zeitstrom wie in einen ins Verderben fortreißenden Fluß. Plötzlich, nach dem Zusammenbruch des großartigsten musikräumlichen Gebäudes der Musikgeschichte, war "Zeit" nicht mehr selbstverständlich, man konnte sie nicht mehr als einfach gegeben hinnehmen, ohne weiter zu fragen. Schuberts Musik ist das Zeugnis dieser Situation. Schubert, der erste Komponist, dem die Zeit zum Problem wird, ist auch der erste moderne Komponist. Stets noch haben die überlieferten analytischen Werkzeuge - so nützlich, wenn es um das Erfassen musikalischer Raumhaftigkeit geht - sich als unzureichend erwiesen, um Schuberts Musik aufzuschließen: wo die Zeit herrscht, beginnt die Sprachlosigkeit. Endgültig zur
unausweichlichen Notwendigkeit wurde die bewußte Beschäftigung
der Musiker mit der Zeit mit den musikalischen Zusammenbrüchen zu
Anfang des 20. Jahrhunderts. Es entspricht der Haltung dieses furchtbaren
Jahrhunderts, daß die Komponisten zunächst Zuflucht bei der
Wissenschaft suchten. Besonders die Physik, als die "Leitwissenschaft",
aber auch Psychologie, Geschichtswissenschaft und Biologie schienen Begriffe
von der Zeit zu haben, die die Musiker nutzen zu können gedachten.
Manche Komponisten nannten oft und gern die Namen Einstein und Heisenberg:
doch in der Regel wurde deren Einfluß auf die musikalische Gestaltung
bloß behauptet, Analogien zwischen musikalischen Konzeptionen und
physikalischen Theoremen blieben bestenfalls vage, öfter ganz untriftig.
Die Versuche, sich der Zeit mit Hilfe der Psychologie zu nähern,
schienen den Möglichkeiten der Musik besonders entgegenzukommen:
im allgemeinen führte aber die Unvermeidlichkeit des "Ausdrucks"
in der Musik dazu, daß das Interesse immer wieder von der reinen
Zeitwahrnehmung abgelenkt wurde. Mit der Zeit der Historiker hat vor allem
Bernd Alois Zimmermann gearbeitet: aber seine Collagetechnik setzt die
Wirksamkeit von Assoziationsräumen voraus. Die Zeitvorstellungen
der Biologie schließlich berührten, wenn sie auf die Musik
angewendet wurden, zumeist den Bereich des ominösen "Organischen",
der dann durch Begriffe wie "Entwicklung", "Wachstum",
"Struktur" bezeichnet werden mußte: Begriffe, die ihre
Existenz räumlichem Denken verdanken. (Der Entwicklungsbegriff ist
davon nicht ausgenommen.) Und, nicht nur im Sinne der "Wissenschaftlichkeit": unser Wissen von der Musik nimmt überhaupt rapide ab. Allenfalls können wir versuchen, so etwas wie die Konturen unseres Nichtwissens abzutasten - darin liegen vielleicht sogar beachtliche Möglichkeiten. Zu spaßen ist aber damit nicht. Das Nichtwissen ist in jeder Hinsicht etwas Ungeheures und duldet keinerlei respektlose Annäherung. Es scheint: die Zeit, sobald sie ins Bewußtsein rückt, ist immer das, was fehlt. Sobald sie sich zeigt, entweicht sie, wird sie ungreifbar. Zeit ist so, was wir nicht haben; ausrufen möchten wir: "O Zeit, du Zeit, die mir fehlt!" Vielleicht aber liegt es in der Macht der Musik, etwas wie eine Perspektive auf die Zeit zu schaffen. Die Musik könnte sich so doch noch den Namen einer Zeitkunst verdienen. Sie muß dazu allerdings den Weg durch die Katastrophe alles dessen, was sie bisher ausmachte, gehen. Sie verliert jeden sicheren Grund. Die Ausbildung ihres inneren Auges, das sie sich in den Zeiten ihrer Raumwerdung erworben hatte, erscheint in der direkten Konfrontation mit der Zeit als nutzlos. Die augenlose Zeit sieht nicht, noch ist sie zu erblicken, und sei das Auge ganz nach innen gewandt. Die orientierungslos gewordene Musik kennt nicht einmal mehr die Begriffe "alt" und "neu". Das Banner des "Neuen", das die Musik bisher so eifrig der Zeit entgegengehalten hat, muß sie einrollen. - Im Bereich der verräumlichten Musik ist die Neuheit ja auch nach Rede und Praxis bereits grauenhaft herabgekommen. Das Neue, räumlich gedacht, heißt "Innovation". Ein Ding, um Geld zu machen. Die Zeit ist nie neu. Die Zeit ist immer neu. Daran gleitet die Musik ab; daran gleitet alles menschliche Vermögen ab. Fortschritt, ein Wort, an das sich lange alle Hoffnungen auch der Musik hefteten, ist eine Kategorie, der ohne Theologie nicht beizukommen ist. Im Westen bestand - und besteht noch - die Tendenz, Christentum und Fortschrittsglauben sogar umstandslos zu identifizieren. Der Fortschritt verspricht Herrschaft über die Zeit. Aber es ist nicht der Christ, der die Zeit richtet, sondern Christus.
Denn die Zeit allein, die "reine" Zeit, wird die Musik nicht aus ihrer Stummheit erlösen. Aber vielleicht ist die Musik in ihrer Stummheit, durch ihre Stummheit der Zeit auf der Spur. Die Stummheit der Musik ist ja seit hundert Jahren beständig im Anwachsen, nicht nur in dem Sinn, daß sie keine allgemeinverständliche Sprache mehr ist. Die Musik kennt inzwischen Stummheit, Stille, Schweigen sehr gut, sie hat deren Geheimnisse geduldig erforscht. Sie steht nicht mehr "am Rande des Verstummens", sondern breitet sich aus innerhalb der Stummheit. Schon ist sie in der Lage, im Schweigen alle Nuancen des Redens anzudeuten, ganz wie in der chinesischen Malerei alle Farben durch den fein abgestuften Gebrauch monochromer Tusche ausgedrückt werden können. Stummheit war vielleicht
schon das geheime Ziel der "absoluten" Musik des 19. Jahrhunderts.
Die Stummheit wird überhaupt am besten von den Instrumenten vorgetragen. Weil lange in der abendländischen Musik das Lehrbare, Denkbare dasjenige war, was die Instrumente betraf, sind diese nun in ihrer Geschlagenheit die besten Bezeuger der Stummheit. Vielleicht ist gerade den ganz "traditionellen" Instrumentalkombinationen, bei ganz "traditioneller" Behandlungsweise, eine um die Zeit wissende Musik zu entlocken. Denn allzuoft ergreift das "Experimentelle" wieder nur die Ausflucht der Verräumlichung, in dem es das Interesse auf "Überraschendes", "Neues", "Ereignishaftes" lenkt, also räumliche Pfähle in den Verlauf der Zeit zu rammen versucht. Wenn die Musik zu schnell, zu weit von den Traditionen wegführen will, wird sie die Zeit nicht finden, sie wird in die Falle der "Innovation" tappen. Stummheit der Instrumente, Stummheit der Stimmen. Kleines Schweigen, größeres Schweigen, großes Schweigen. Das größte Schweigen ist das des Menschen in den Händen der Biotechnologie. Es gibt ein Muster der Vollständigkeit. Es ist klar: Stummheit hat nicht nur die Musik ergriffen, sondern auch das Wort. Und die Musik erhofft vom Wort Erlösung aus ihrer Stummheit. Sie traut dem Wort die Fähigkeit zu, die Zeit gleichsam zu spalten, sie zu teilen, damit ein Ufer erkennbar würde.
Die Musik hofft auf das Wort. Die Musik als Zeitkunst bewegte sich zwar einstweilen nur im Vorhof des Worts. Hier herrscht aber immerhin soviel Licht und Schatten, daß wir Vermutungen über die Beschaffenheit einer solchen künftigen Musik anstellen können. In der Musik als Zeitkunst gibt es nicht "lang" und "kurz". Sie läßt sich nicht abkürzen oder reduzieren. Hierin unterscheidet sie sich von aller einem Konstruktionsschema folgenden Musik, und auch von aller Konzeptkunst. - Es gibt heute keine "konstruktiven Probleme" mehr zu lösen. Musik als Zeitpunkt ist in einer bestimmten, sehr gefährlichen und fast hinterhältigen Weise "problemlos". Das heißt keineswegs, daß sie nun zum Tummelplatz für Dilettanten werden könnte: im Gegenteil, nichts ist schwieriger und verantwortungsvoller als Musik zu schreiben, wenn "die Probleme im wesentlichen gelöst sind" - also sprach Wittgenstein, vor dem Neubeginn endloser, diffizilster philosophischer Arbeit. - Mit Konzeptkunst hat Musik als Zeitkunst nichts gemein. Sie muß ihren Kelch bis zur Neige austrinken, Tropfen für Tropfen. Sie ist ganz der Schwerkraft des Realen unterworfen und darf sich das Schweben in der unverbindlichen Schwerelosigkeit des Konzeptbereichs nicht erlauben. Zeit läßt
sich nicht rationalisieren, also lassen das auch die Kompositionsverfahren
einer Musik als Zeitkunst nicht zu. Für die, die
Musik als Zeitkunst hervorbringen wollen, gilt: Und doch, und also: Nicht nur zum Verständnis der Kunst, auch zum Verständnis der Zeit gehört ein Begriff von Treue. Die Konzentration
auf die Zeit läßt den Kunstcharakter der Musik selbstverständlich
nicht unberührt. Kunst heißt Grenze, heißt Teil, Zeit
will nur zu leicht zum Namen für ein Grenzenloses, wo nicht gar ein
Ganzes werden. Die Musik als Zeitkunst kann keine "Technik" im hergebrachten Sinne haben. Allenfalls lassen sich ihre technischen Prozeduren negativ beschreiben. Eine Kompositionslehre der Musik als Zeitkunst müßte, wenn sie das überkommene musiktheoretische Vokabular verwenden wollte, zu einer Lehre des beständigen Aus- und Zurückweichens werden müssen. Das führt weiter, als es zunächst den Anschein haben mag: denn das Verlassen der alten Orte läßt sie ja nicht verschwinden, sondern rückt sie nur in ein anderes Licht; und Musik als Zeitkunst lebt auch in diesem Licht, auch in noch einem anderen. Das Hervorbringen eines Zeitkunstwerks erlaubt keine Korrekturen. Was an ihm "richtig" oder "falsch" ist, kann nicht im Nachhinein festgestellt werden (oder jedenfalls nicht vom Künstler). Die Musik als Zeitkunst ist verständlich und unverständlich zugleich. Sie gibt dem (aktiven) Verstehenwollen keine Nahrung, und sie ist auch nicht naiv-simpel oder trancehaft. Sie unterbricht bloß die "Kommunikation", solange, bis das Reden wieder an der Zeit ist. Durch die vom Wort noch ungesicherte Bruchstelle von Zeit und Musik fließt der Mythos ein. Für uns sind Zeit und Mythos nicht zu trennen. Die Musik hat immerhin die Möglichkeit, den Mythos im Klang aufzuheben. Aber das allein macht sie noch nicht zu Musik, im herausgehobenen Sinne eines (von allem) Geschiedenen. An der Musik, auch als Zeitkunst, bleibt stets paradox, daß sie nicht nur klingt,sondern erklingt; gemildert wird dies dadurch, daß sie wie ohne Absicht erklingt.
Die Flucht der Musik
führt in die Unterwelt. Himmel und Hölle sind solid gebaute Wohnungen. Die klassische europäische Musik ist in der Lage, uns, je nach Gestimmtheit, in den einen oder in die andere zu versetzen. Die Musik als Zeitkunst aber bleibt in einem Zwischenzustand: einem Limbus, einer Vorhölle, einem Purgatorium. Dante, der wichtigste Autor im 20. Jahrhundert, äußert sich über das Purgatorium ausführlich und sehr präzise. Er hat ins Fegefeuer auch Musiker versetzt. Es scheint, daß Orpheus, der göttliche Sänger, der Unterweltserfahrene, eine Zeitlang wird diese Zwischenwelt beziehen müssen. Die Tore zum Himmel wie zur Hölle sind von dort vielleicht sichtbar, aber sie sind verschlossen. Im Zwischenreich gibt
es Zeit. Und so ist auch die
Möglichkeit einer zukünftigen ganz strengen Zeitbehandlung in
der Musik nicht auszuschließen. Wenn eine dem Kontrapunkt, dem Muster
musikalischer Regelhaftigkeit in der Musik der imaginären Räumlichkeit,
vergleichbare Strenge auch in einer von der Zeit her gedachten Musik geschaffen
werden könnte, würde eine wirklich andere Musik entstehen. Sie
würde dann auch ein anderes Sprechen nach sich ziehen, es wäre
möglich, besser darüber zu schreiben als etwa in meiner fadenscheinigen
Weise. Man könnte sogar wieder etwas über Musik als Handwerk
sagen, und einzig das Darstellen des Handwerks besitzt doch die nötige
Undurchdringlichkeit. Das Vermögen des Musikers ist - fühlbar - klein, die noch nicht gespürte Verpflichtung der Welt ist groß.
Gestohlen, geschenkt:
das gilt nicht gleich. |